Das Buch – Wie es dazu kam
2017. Ein Frühsommertag, dem die Wärme und das leichte Lüftchen gut stand. Helmi und ich, Kolleginnen aus meiner Zeit in Salzburg, saßen am Hauptplatz in Linz einander gegenüber und tranken Kaffee.
An unser Gespräch kann ich mich im Detail nicht erinnern. Doch ich begann mit der Frage, ob sie wisse, wie wichtig der Film sei. Sie schaute mich an. Mehr zunächst nicht. Ich glaube, Helmi wollte Raum lassen. Sie wollte erkunden, was an ‹Hätte Hätte Fahrradkette› bei mir angekommen war. Ich sollte unbenommen sein. Ich erzählte, wie sehr mich das Gesehene berührt hatte. Sie hörte aufmerksam zu. Ich postulierte, dass diese Art des Lehrens und Lernens Zukunft sei. Besonders so seien wir in der Lage uns auf das vorzubereiten, was wir wirklich im Leben bräuchten: Empathie, Reflexion, Zusammenarbeit, Mündigkeit, um nur einiges zu nennen. Wissen ist heutzutage überall zu finden. Aber die Fähigkeit, uns mitzuteilen, mit sich und anderen in Dialog zu kommen, Veränderung anzunehmen und uns zu entwickeln, das ist schwierig. Das geht uns alle an! Das kann nicht allein den Künsten und Geisteswissenschaften vorbehalten sein. Der ganzheitliche und interdisziplinäre Zugang im Lab Inter Arts ist einer, der in allen Wissenschaften und auf allen Bildungsstufen Not wäre. Hier würden Wege des Mit-Sich und Mit-Anderen und Mit-Fremdem und Mit-Neuem umzugehen, aufgezeigt und geübt werden.
«Es ist ein Lebens-Labor», sagte Helmi. «Ja genau Ja, genau! Deswegen ist es politisch! Wer lernt, gestaltend mit den Lebenswirklichkeiten umzugehen, ist weniger angstbesetzt oder manipulierbar, ist eher mündig und frei, soweit es Freiheit überhaupt gibt. Und darum» – ich wurde emotional – «sind die Künste und Zugänge bzw. die Vermittlungsweisen, wie sie in ‹Hätte Hätte Fahrradkette› aufgezeigt werden, essentiell wichtig. Die Kunst, die Performance und ihr Gestaltungspotenzial sind ein Labor bis oben hin voll von Möglichkeiten und Experimentierfeldern, an denen wir wachsen. Das gilt umso mehr, wenn wir scheitern, sich Widerstände auftun oder wir mit Unvorhergesehenem konfrontiert sind.» So und so weiter vertieften wir uns in die gesellschaftlichen, soziokulturellen und politischen Dimensionen des Lebens-Labors.
Wir verabschiedeten uns herzend, geeint in der Überzeugung von der Notwendigkeit des Lebens-Labors und inspiriert von den Gedanken, die wir ausgetauscht hatten. Damals wusste ich noch nicht, dass mir die Notwendigkeit so dringlich erschien, dass ich einige Monate später den Entschluss fassen würde, darüber zu schreiben.
(Buchseite D.15)
Helmi Vent