Helmi Vent Helmi Vent

2000 Auf weiter Flur

Kristin Brünnler, Lauren Newton

Weitere Informationen

Projektleitung, Konzept und Inszenierung

Helmi Vent

Projektpartner

TanzMusikTheaterWerkstatt, Universität Mozarteum Salzburg
Abt. Klassischer und Zeitgenössischer Tanz, Abt. Schulmusik, Abt. Instrumentalmusik der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Frankfurt
Institut für Musikpädagogik der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt

Performer

Chris Amrhein (Stimme und Aktionstheater)
Kristin Brünnler (Tanz)
Matija Ferlin (Tanz)
Lauren Newton (als Gast - VoiceArt)
Hagen Pätzold (Trompete)
Alexandra Pesold (Stimme und Tanz)
Ariane Schack (Tanz)
Jaro Vent (Posaune und Aktionstheater)
u.a.

Projektort

Foyer der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Frankfurt a.M.

Aufführungen

31.10.2000, 20:00 Uhr
01.11.2000, 18:00 und 20:00 Uhr

RaumKlangKörperTheater zur Eröffnung der Tagung "Neue Musik in Szene"
Frankfurt, Okt./Nov. 2000
Ein Kooperationsprojekt zwischen Hochschulen bzw. Universitäten Salzburg und Frankfurt

Zum Projekt

........ ein offenes Stück, entsprechend dem offenen Raum des drei Stockwerke verbindenden Foyers der FrankfurterHochschule für Musik und darstellende Kunst, in dem die Zu- und Abgänge mit ihren Treppen, Fluren, Geländern und Vorsprüngen zu Plattformen oder auch Schrägflächen werden, auf denen Menschen mit ihren verschiedenen Klang- und Körpersprachen ins Gespräch geraten, manchmal absichtsvoll, manchmal mehr oder weniger beiläufig im Vorübergehen. Dieses Vorübergehen hat sich zu einem bestimmenden Element des gesamten Stückes profiliert, gab es doch keine 'Flur'-Probe ohne 'Quergänger', die in großen oder kleinen Gruppen, mit oder ohne Instrumentenkasten, Mensahappen oder Notenständer einen Teil der Flur-Szenerie durchkreuzten – laut redend, vorsichtig abwartend, angeregt zuschauend bis verärgert schimpfend. Diese 'Quergänge' haben im Laufe der einsemestrigen Entwicklungsarbeit ihre eigene, dynamische Geschichte geschrieben, inclusive ihrer akustischen 'Querstände', die durch ein 5- oder 10-sekündiges Öffnen und Schließen irgendeiner Probenraumtür einen Schwall anderer Weltmusik mit fast wie komponiert wirkender Crescendo- und Decrescendo-Dynamik über unsere Probenarbeit ergossen.

Dass solche hörbaren und sichtbaren Quergänger die inszenierte Fassung des 'Flur'-Stücks immer wieder durchkreuzen, ist nichts anderes als eine Hommage an den Frankfurter Foyer-Alltag, der sich in seinen 'Randbemerkungen' wie von selbst in die Flur-Szene ins Licht rückt – einschließlich der beiden Tänzer (Ariane Schack und Matija Ferlin), die im Hochparterreteil des Foyers nach anstrengender Tanzprobe in einer verdienten Pause ihren Körper aushängen lassen, so wie sie es mehrmals täglich tun. Gerade dieses Tanzpausen-Duo – und dafür sind wir dem Foyer-Alltag dankbar – lenkt unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf die alte Theaterfrage, nämlich, wo Theater und im letzteren Falle das Theater im Theater anfängt und wo es aufhört.

Klar, natürlich wissen wir, dass das eine Sache subjektiver Wahrnehmung ist, und dennoch – wir haben diese Frage selten als so brandheiß empfunden, vermutlich weil unsere lang überlegten 'Positionen' oft – wie eingefädelt – empfindlich durchkreuzt und damit verunsichert worden sind.

Was das Stück zusammenhält, ist das sich hinschlängelnd getanzte Endlosband unter der 18 m langen, einer Flügelform nachgeschwungenen Sitzbank im Hochparterre. Die Figur der Tänzerin (Kristin Brünnler) hat sich in den engen Raumnischen in immer wieder neuen Varianten des sich Windens, Drehens und suchenden Abtastens häuslich eingerichtet. Die 38 Höhenzentimeter zwischen oberer (Sitzbank-)Begrenzung und Fußboden sind ihr weder zu niedrig noch ist ihr die Ausdehnungsmöglichkeit zu gering. Innerlich ist diese Figur schon längst über die Akzeptanz ihrer räumlichen Begrenzung hinaus und hat sich ihre eigenen Ausdehnungen und teilweise ungewöhnlichen Freiräume in ihrer hart umzäunten Landschaft geschaffen. In dieser besonderen Seinsqualität trifft der Besucher die Figur der Tänzerin an. Bevor irgendjemand das Foyer betreten hat, war sie schon längst da. Auch tut sie nichts anderes als das, was sie immer schon getan hat, nämlich dort ihr Leben tanzend zu leben. Was soll's, dass sie in dem Prozess der knapp einstündigen Performance nie auf die Füße kommt? Wen kümmert's, dass sich ihre Wirbelsäule nie aufrichten kann? Diese Figur betanzt ihre Räume in ihrer ganz eigenen Qualität. Ihr fehlt nichts und niemand.

In dieses getanzte Endlosband hinein verknüpfen sich Lebensausschnitte anderer Figuren. Auch deren Identität hat keine klaren 'Rollen'-Umrisse, keinen eindeutigen Anfang, kein abschließendes Ende. So ist der Untertonsänger (Chris Amrhein) von der Vorstellung getrieben, sich über große stimmliche und körperliche Anstrengungen hoch hinauf kämpfen zu müssen. Er erreicht zwar verschiedene Fenstersimse, Geländer und Ebenen (nicht nur im Raum); ein Ziel allerdings, das er wahrscheinlich selbst nicht definieren kann, erreicht er nicht. Es ist das Rackern, das ihn lebendig hält. Neben ihm begegnet eine weibliche Figur (Alexandra Pesold) mit entwaffnender Unbefangenheit ihrem Umfeld, oder hat eine Konzertsaaltür schon einmal so viele Küsse bekommen? In fliegender Leichtigkeit nimmt sie ihre Wege. Just in dem Augenblick, in dem der Sisyphosarbeiter unfreiwillig abwärts gleitet, tanzt die Schwebende eine Säule singend aufwärts.

Die Figur, die weniger als Person, sondern als Stimmklang in Erscheinung tritt (Lauren Newton), ist in ihrer Stimmidentität am wenigsten festzumachen. Ihre vielen Ausdrucksfacetten korrespondieren mit ihrem unvermittelten Auftauchen und Verschwinden. Die Figur des Posaunisten (Jaro Vent) pflanzt mit seinen Blumentrogaktionen merkwürdige Kontrapunkte in die heterogene Szenerie; mal schaltet er sich akustisch in ein Geplänkel zwischen Trompete (Hagen Pätzold) und Stimme per Gießkanne ein, mal will er sich visuell über Bildkopien seiner Posaunenstürze einen Zugang zu der sich nach wie vor merkwürdig schlängelnden Frauenfigur verschaffen.

Alle Figuren sind wie lose Blätter in ihren Vielheiten, Flüchtigkeiten und Intensitäten ihrer körperlichen und musikalischen Sprachen. Und gerade diese Sprachen sind es, die sich in eigenen ästhetischen Spielregeln äußern dürfen; nur ab und zu vernetzen sie sich in konkreten Begegnungen. Auf weiter Flur spielt mit der Vielschichtigkeit der Figuren, möchte lieber mit farbig-mehrdeutigen Facetten arbeiten als mit eindeutig zugeschnittenen Identitäten. Und wenn ein Akteur seine gelernten Spielregeln behalten möchte, wie beispielsweise der Trompeter, der seit vielen Jahren seines musikorientierten Lebens mit brillanter klassischer Technik an Sonatensätzen feilt, dann steht dem nichts im Wege. Es ist letztendlich die Frage, welche 'Vokabeln' unsere künstlerische Sprache braucht, wenn wir mit Subjekten verschiedenster Prägung in Beziehung treten wollen. Der Posaunist setzt sein Instrument nur an einer einzigen Stelle des gesamten Stücks an, nämlich dort, wo ihm spürbar etwas unter die Haut geht. Es ist die Notwendigkeit eines klingenden sich Einmischen-wollens, die anstelle der bisherigen Blumentrogaktionen nunmehr eine entscheidende Veränderung in Gang bringt. Blumentragen kann wie Blumenschenken so herzlich passend wie unpassend sein, eine Tatsache – nicht nur für Gärtner.

Helmi Vent

Programm

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Presse

"Auf allen Fluren und Treppen. Helmi Vents Raum-Theater in Frankfurt" von Gerhard Rohde. nmz (neue musikzeitung)
Ausgabe 02/2001, S. 37, 50. Jahrgang

Video

Auf weiter Flur

Eine Filmdokumentation zum gleichnamigen RaumKlangKörperTheater
Konzeption, Inszenierung, Projektpartner, Performer, Projektort, Aufführungen: siehe oben (Projektdetails)
Kamera: Stefan Aglassinger, Christian Datz, Karl Plötzeneder
Videoschnitt: Chris Amrhein und Helmi Vent
Video Mastering: Chris Amrhein
Ton Bearbeitung und Mastering: Michele Gaggia
Filmproduktion: Helmi Vent © 2001

Videofilmpremiere "Auf weiter Flur"
am 18.04.2005 im Zentrum im Berg, Fürbergstraße 18-20, Salzburg, 19:30 Uhr

Videofilmpremiere-Plakat (PDF)

Filme

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Bilder

Fotos: Michael Salmen

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