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"Willst zu meinen Liedern Deine Leier drehn?"
(1995) Salzburg 1995 Melbourne/Australien 1995 Kapstadt/Südafrika
1997 "Willst zu meinen Liedern Deine Leier drehn" ist im Gedicht-
und Liedzyklus "Die Winterreise" von Wilhelm Müller und Franz
Schubert die Frage eines umherirrenden Wanderers, eines Liebenden,
der vergeblich auf Gegenliebe hofft. Gleichsam ist es die Frage
eines Verlassenen, den man hinausgetrieben hat, wie es im ersten
Lied der "Winterreise" heißt, die Frage eines sich selbst und
anderen fremd Gewordenen ("Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh
ich wieder aus"). Am Ende seiner langen Wanderung begegnet er
einem anderen Ausgeschlossenen, dem "Leiermann", in dem sich der
Wanderer gespiegelt sieht ("Keiner mag ihn hören, keiner sieht
ihn an"). Die Frage, ob der Leiermann mit ihm gehen oder sogar
zu seinen Liedern spielen mag, bleibt unbeantwortet.
Aus dieser Problemkonfiguration entsteht der Frageansatz
und gleichsam der Grundriß für das Theaterstück. Bei dem Versuch
einer Bearbeitung des einander Fremd-Seins im Rahmen verschiedener
Begegnungssituationen eines heutigen Alltags steht die Frage im
Raum, wie sich das Problem im eigenen lebensgeschichtlichen, kulturellen
und gesellschaftlichen Kontext stellt. Welche Lebens-, Äußerungs-
und Verhaltensformen sind es, die den eigenen Regeln widersprechen
und deshalb einem selbst als fremd erscheinen?
Die Empfindung des einander Fremd-Seins, in der
sich der jugendliche Wanderer und der "wunderliche Alte" begegnen,
hat mich früher als junge Hörerin zutiefst berührt und berührt
mich noch heute, allerdings in veränderten, komplexeren Dimensionen
des Fühlens und Nachdenkens. Was mich nach wie vor beschäftigt,
ist die verblüffende Unmerklichkeit des Vorgangs, in dem "Eigenes"
auf schleichende Weise verloren zu gehen und Fremdes einzuziehen
droht.
Bei diesem persönlichen Berührtsein von der Figur
eines "Fremden" im Müllerschen/Schubertschen Lied-Gedicht setzt
im Oktober 1994 die Auseinandersetzung mit den Teilnehmern der
"Tanz-Musik-Werkstatt" zu dem Thema des Symposions am Orff-Instituts
an, und gerade dieser Einstieg gerät zum Befremdendsten an der
gesamten gemeinsamen Jahresarbeit. Mein in mir so starkes Bild
von der "Leiermann"- Figur mag die Zuhörer des von mir gesungenen
und gespielten Schubert-Liedes nur wenig berühren. Meine Nähe
zu dem mir "Fremden" bleibt für die anderen "wunderlich" fern.
Die Dialektik der Situation ist so stark wie die des Themas!
Mein Erfolgs"teller" bleibt "leer", herausfordernd genug, um nach
der jeweils persönlichen Anschauung von Eigenem und Fremdem und
der Kultur des persönlichen Umgangs damit zu fragen. Im Handumdrehn
befinden wir uns mitten im Teilgeschehen des Stückes.
Zunächst gibt es leiblich-klangliche "Vorstellungen"
von persönlich Liebgewordenem, von Ureigenstem sowie Reaktionen
auf das jeweils Eigene eines anderen, z.B. auf den immer wiederkehrenden,
einschmeichelnden Tango der Akkordeonspielerin (Sigrid Gerlach),
auf das rotzige Benehmen und die rüden Stimmklänge des Penners
(Chris Amrhein), auf die ironisierenden, grotesken Gesten samt
den spanischen Lieder des zwielichtigen Garcon (Luis García Vázquez),
auf den Leib- und Magen-Blues des Posaunisten (Jaro Vent), auf
die ganz andere, nämlich abstraktere, indirektere Sprache der
Tänzerin (Barbara Schönewolf), die sich mit dem eher stummen als
klingenden Klavier auf eine ebenfalls "wunderliche" Art auf Wanderschaft
begibt. - So entstehen im Laufe des Improvisationsprozesses -
meist in dialogischer Form - verschiedenste merk-würdige Versatzstücke,
die in ihrem teilweise brüchigen, flüchtigen Nebeneinander, in
ihren Verständlich- wie Unverständlichkeiten, in ihren mehrdeutigen
Unschärfen später den ersten Teil des Stückes bilden. In dem 'polyphonen'
Spielort einer häßlich schummrigen Gegend streifen die Spieler
flüchtig den Lebens(Klang-)raum eines anderen, nähern sich einander
an, verschanzen sich (hinter der Klavier-'Mauer') , bleiben sich
fremd, grenzen sich aus, werden ausgegrenzt, beginnen aber hin
und wieder einen Dialog mit einem Anders-Sprechenden, entdecken
grobe, vordergründige Außen-, und auch subtile, hintergründige
Innenseiten beim anderen. Bei diesen Begegnungsversuchen wagt
sich das Schubertsche Zitat nur insgesamt dreimal nach außen.
Lediglich im Schlußteil nimmt die immer wiederkehrende, monotone
Begleitmelodie des "Leiermann" einen größeren Raum ein, die in
einem drehleierähnlich auf der Stelle gedrehten stummen Klavier
ihr symbolisches Pendant findet.
Das Drehleier-Zitat taucht hier - so die Perspektive
am Schluß - nicht als Gegenthema zu einem Thema auf, wie wir es
häufig im ersten Teil des Stückes erleben, sondern es vermischt
sich mit einem spanischen Lied, ohne sich daran zu stören. Verschiedenartiges
bleibt nebeneinander stehen, ohne daß das charakteristische Eigene
verloren geht. Vielleicht mag sogar die Entdeckung des reizvoll
Neuen in dem stilistischen Nebeneinander gelingen.
Es ist letztendlich die Frage, was bei den Verständigungsversuchen
auf der Bühne und auch unseren alltäglichen, persönlichen Begegnungsversuchen
dem vielschichtigen Begriff der "harmonia" zugrunde gelegt wird.
Welche Konsonanzen und Dissonanzen, Vor(be)halte, Zwischentöne
haben in unserem Klang- bzw. Weltbild überhaupt Platz, welche
finden wir befremdlich oder gar abstoßend? Anregend scheint mir
dabei die Frage zu sein, was uns die Klänge und Dinge unserer
Welt überhaupt konsonant oder dissonant gemacht hat? Durch welche
Einflüsse sind Ein-Drücke von "harmoniefremden" Klängen und Positionen
in uns entstanden?
Beim gemeinsamen Reflektieren und leiblich-klanglichen
Bearbeiten dieser und ähnlichlautender Fragen ist den Akteuren
und Akteurinnen am Ende des Arbeitsprozesses klar geworden, daß
Verständigung nicht eine Frage der dualistischen Abgrenzung von
Konsonanz und Dissonanz, nicht eine Frage einer kompositionsästhetischen
Auffassung ist, sondern eine Sache des Aufmerksamseins für die
Klänge und Gesten eines anderen, dessen Ausdrucksart, dessen Lebens-
und Welt-Anschauung, in der sich die persönliche Ausdrucksart
entspechend widerspiegelt.
Ein Ansatz eines Aufwerksamwerdens ist im letzten
Teil des Stückes inszeniert, angeregt bzw. angerührt durch ein
Außer-sich-Geraten desjenigen, der die Rolle des vermeintlich
wenig Gesellschaftsfähigen im Stück spielt, des Penners. Die bisherigen
Klang- und Bewegungssprachen der Akteure verstummen. "Willst zu
meinen Liedern Deine Leier drehn" gerät kaum noch zur Melodie.
Das betretene Außer-Atem-Sein der schillernden Garcon-Figur wird
zum bedeutungsvollen Klang.
Die Ratlosigkeit dieser Situation braucht - so
die verstärkte Aussage am Schluß - eine körperlich-sinnliche Resonanzfähigkeit
für die "Lieder" des anderen. Ohne zu fremdeln lassen sich dann
die eigenen durchaus dazu singen. Es braucht ein Bekenntnis zur
Polyphonie, ein Zulassen (auch) von Dissonanzen und Unreinheiten
- ohne Ressentiments und ästhetische Skrupel. Das vermeintlich
Fremde kann sich dabei als äußerst verwandlungsfähig entpuppen
und mischt sich mitunter in die sym-pathische Philosophie Arnold
Schönbergs: "Dissonanzen sind lediglich ferner liegende Konsonanzen".
Die Dreckstöne des verlotterten Penners sind am
Ende des Stückes dieselben, auch die wenig feine Art bleibt die
ihre. Was sich durchsetzt, ist ein Berühren und Berührt-Werden
im konkret körperlichen und übertragenen Sinn, was den Dialog-Partnern
hilft, wieder auf die Beine zu kommen. Ein Weg ist nicht vorgezeichnet,
er wird im Schubertschen Lied eingeleitet mit dem offenen Quintton
der fragenden Schlußmelodie; in unserem Stück intensiviert der
Penner die Ungewißheit der Situation, indem er auf der kleinen
Sext der Akkordeontasten fragend "hängen"bleibt. Die Offenheit
der Fremde scheint ihm am meisten vertraut; sie gehört bereits
zu seinem Erfahrungsschatz. Helmi Vent
(Helmi Vent) |