| Zum Stück |
........ ein offenes Stück, entsprechend dem
offenen Raum des drei Stockwerke verbindenden Foyers der Frankfurter
Musikhochschule, in dem die Zu- und Abgänge mit ihren Treppen,
Fluren, Geländern und Vorsprüngen zu Plattformen oder auch Schrägflächen
werden, auf denen Menschen mit ihren verschiedenen Klang- und
Körpersprachen ins Gespräch geraten, manchmal absichtsvoll,
manchmal mehr oder weniger beiläufig im Vorübergehen. Dieses
Vorübergehen hat sich zu einem bestimmenden Element des gesamten
Stückes profiliert, gab es doch keine "Flur"-Probe ohne "Quergänger",
die in großen oder kleinen Gruppen, mit oder ohne Instrumentenkasten,
Mensahappen oder Notenständer einen Teil der "Flur-Szenerie"
durchkreuzten – laut redend, vorsichtig abwartend, angeregt
zuschauend bis verärgert schimpfend. Diese "Quergänge" haben
im Laufe der einsemestrigen Entwicklungsarbeit ihre eigene,
höchst dynamische Geschichte geschrieben, inclusive ihrer akustischen
‚Querstände’, die durch ein 5- oder 10-sekündiges Öffnen und
Schließen irgendeiner Probenraumtür einen Schwall anderer "Weltmusik"
mit fast wie komponiert wirkender Crescendo- und Decrescendo-Dynamik
über unsere Probenarbeit ergossen.
Daß solche hörbaren und sichtbaren Quergänger die inszenierte
Fassung des "Flur"-Stücks immer wieder durchkreuzen, ist nichts
anderes als eine Hommage an den Frankfurter Foyer-Alltag, der
sich in seinen ‚Randbemerkungen’ wie von selbst in die Flur-Szene
ins Licht rückt – einschließlich der beiden Tänzer (Ariane Schack
und Matija Ferlin), die im Hochparterreteil des Foyers nach
anstrengender Tanzprobe in einer verdienten Pause ihren Körper
aushängen lassen, so wie sie es mehrmals täglich tun. Gerade
dieses Tanzpausen-Duo – und dafür sind wir dem Foyer-Alltag
dankbar – lenkt unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf die alte
Theaterfrage, nämlich, wo Theater und im letzteren Falle das
Theater im Theater anfängt und wo es aufhört.
Klar, natürlich wissen wir, dass das eine Sache subjektiver
Wahrnehmung ist, und dennoch – wir haben diese Frage selten
als so brandheiß empfunden, vermutlich weil unsere lang überlegten
"Positionen" oft - wie eingefädelt - empfindlich durchkreuzt
und damit verunsichert worden sind.
Was das Stück zusammenhält, ist das sich hinschlängelnd getanzte
Endlosband unter der 18 m langen, einer Flügelform nachgeschwungenen
Sitzbank im Hochparterre. Die Figur der Tänzerin (Kristin Brünnler)
hat sich in den engen Raumnischen in immer wieder neuen Varianten
des sich Windens, Drehens und suchenden Abtastens häuslich eingerichtet.
Die 38 Höhenzentimeter zwischen oberer (Sitzbank-)Begrenzung
und Fußboden sind ihr weder zu niedrig noch ist ihr die Ausdehnungsmöglichkeit
zu gering. Innerlich ist diese Figur schon längst über die Akzeptanz
ihrer räumlichen Begrenzung hinaus und hat sich ihre eigenen
Ausdehnungen und teilweise ungewöhnlichen Freiräume in ihrer
hart umzäunten Landschaft geschaffen. In dieser besonderen Seinsqualität
trifft der Besucher die Figur der Tänzerin an. Bevor irgendjemand
das Foyer betreten hat, war sie schon längst da. Auch tut sie
nichts anderes als das, was sie immer schon getan hat, nämlich
dort ihr Leben tanzend zu leben. Was soll’s, dass sie in dem
Prozess der knapp einstündigen Performance nie auf die Füße
kommt? Wen kümmert’s, dass sich ihre Wirbelsäule nie aufrichten
kann? Diese Figur betanzt ihre Räume in ihrer ganz eigenen Qualität.
Ihr fehlt nichts und niemand.
In dieses getanzte Endlosband hinein verknüpfen sich Lebensausschnitte
anderer Figuren. Auch deren Identität hat keine klaren "Rollen"-Umrisse,
keinen eindeutigen Anfang, kein abschließendes Ende. So ist
der Untertonsänger (Chris Amrhein) von der Vorstellung getrieben,
sich über große stimmliche und körperliche Anstrengungen hoch
hinauf kämpfen zu müssen. Er erreicht zwar verschiedene Fenstersimse,
Geländer und Ebenen (nicht nur im Raum); ein Ziel allerdings,
das er wahrscheinlich selbst nicht definieren kann, erreicht
er nicht. Es ist das Rackern, das ihn lebendig hält. Neben ihm
begegnet eine weibliche Figur (Alexandra Pesold) mit entwaffnender
Unbefangenheit ihrem Umfeld, oder hat eine Konzertsaaltür schon
einmal so viele Küsse bekommen? In fliegender Leichtigkeit nimmt
sie ihre Wege. Just in dem Augenblick, in dem der Sisyphosarbeiter
unfreiwillig abwärts gleitet, tanzt die Schwebende eine Säule
singend aufwärts.
Die Figur, die weniger als Person, sondern als Stimmklang in
Erscheinung tritt (Lauren Newton), ist in ihrer Stimmidentität
am wenigsten festzumachen. Ihre vielen Ausdrucksfacetten korrespondieren
mit ihrem unvermittelten Auftauchen und Verschwinden. Die Figur
des Posaunisten (Jaro Vent) pflanzt mit seinen Blumentrogaktionen
merkwürdige Kontrapunkte in die heterogene Szenerie; mal schaltet
er sich akustisch in ein Geplänkel zwischen Trompete (Hagen
Pätzold) und Stimme per Gießkanne ein, mal will er sich visuell
über Bildkopien seiner Posaunenstürze einen Zugang zu der sich
nach wie vor merkwürdig schlängelnden Frauenfigur verschaffen.
Alle Figuren sind wie lose Blätter in ihren Vielheiten, Flüchtigkeiten
und Intensitäten ihrer körperlichen und musikalischen Sprachen.
Und gerade diese Sprachen sind es, die sich in eigenen ästhetischen
Spielregeln äußern dürfen; nur ab und zu vernetzen sie sich
in konkreten Begegnungen. "Auf weiter Flur" spielt mit der Vielschichtigkeit
der Figuren, möchte lieber mit farbig-mehrdeutigen Facetten
arbeiten als mit eindeutig zugeschnittenen Identitäten. Und
wenn ein Akteur seine gelernten Spielregeln behalten möchte,
wie beispielsweise der Trompeter, der seit vielen Jahren seines
musikorientierten Lebens mit brillanter klassischer Technik
an Sonatensätzen feilt, dann steht dem nichts im Wege. Es ist
letztendlich die Frage, welche ‚Vokabeln’ unsere künstlerische
Sprache braucht, wenn wir mit Subjekten verschiedenster Prägung
in Beziehung treten wollen. Der Posaunist setzt sein Instrument
nur an einer einzigen Stelle des gesamten Stücks an, nämlich
dort, wo ihm spürbar etwas unter die Haut geht. Es ist die Notwendigkeit
eines klingenden sich Einmischen-wollens, die anstelle der bisherigen
Blumentrogaktionen nunmehr eine entscheidende Veränderung in
Gang bringt. Blumentragen kann wie Blumenschenken so herzlich
passend wie unpassend sein, eine Tatsache – nicht nur für Gärtner.
(Helmi Vent) |